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Fehlt uns die Erfahrung?

Vor genau zehn Jahren leitete ich das Hamburger Büro eines weltweit tätigen Gewerbeimmobilienberaters. Ich war damals keinesfalls neu in der Immobilienbranche, aber relativ frisch auf dieser Seite des Marktes, der zu dieser Zeit wahrlich nicht einfach war. Als ich meinen damaligen Arbeitsvertrag unterzeichnete, meldete Lehman Brothers in den USA Insolvenz an – und zwar am gleichen Tag. Die internationale Finanzkrise nahm ihren Lauf. Die deutsche Wirtschaft musste schwere Rückschläge einstecken. Die „Älteren“ unter uns wissen noch, wie es damals war. Die Stimmung war schlecht, die Leerstände stiegen, neue Projekte konnten kaum finanziert oder vertrieben werden. Immobilieninvestments waren alles andere als gefragt. Rechnungen schreiben wurde zur seltenen Aufgabe für uns Berater.

Und genau darin steckt eine große Herausforderung für uns. Wenn ich schreibe, dass nur die Älteren diese Situation kennen, meine ich das wortwörtlich. Seit nunmehr zehn Jahren kennt der Immobilienzyklus nur eine Richtung. Viele Immobilienprofis, die seitdem die Branche betreten haben, kennen ausschließlich steigende Mieten und Kaufpreise, während Leerstände immer mehr zurückgingen. In Verbindung mit dem Niedrigzinsumfeld und dem anhaltend hohen Interesse nach Immobilien ergibt sich daraus ein Umfeld, das – vor allem für Makler – kaum besser sein könnte.

Doch wird das immer so weiter gehen? Auch wenn einige Marktteilnehmer das gern glauben würden, lehrt uns doch die Erfahrung: Irgendwann bewegt sich auch der Immobilienmarkt wieder seit- oder sogar abwärts. Wir wurden in den letzten Jahren schlichtweg verwöhnt durch eine starke Konjunktur im Zusammenspiel mit dem Niedrigzinsumfeld. Doch schon in diesem Jahr konnten wir sehen, dass die wirtschaftliche Entwicklung an Fahrt verliert. Das wird sich – früher oder später – auch auf unser Geschäft auswirken. Die Flächennachfrage wird sinken. Aktuell ist das vor dem Hintergrund des kaum mehr existierenden Leerstands und der steigenden Flächeneffizienz kaum ein Problem. Doch wer von uns weiß schon, wie es in fünf oder zehn Jahren aussieht?

Spätestens wenn der Markt strauchelt, werden wir uns auf die Lektionen besinnen müssen, die wir in den Krisenjahren der 2000er schmerzhaft lernen mussten. Doch wie sollen unsere jüngeren Kollegen damit umgehen, die dann auch schon gar nicht mehr so neu im Geschäft sind? Hier sehe ich eine Kernaufgabe der „älteren Semester“. Wir müssen die Lektionen dann weitergeben, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen können, nämlich genau jetzt. Bei sämtlichen Entscheidungen müssen wir uns und unseren jüngeren Kollegen die Frage stellen, wie diese in schlechteren Zeiten zu bewerten wären. Nachhaltigkeit ist schließlich länger als eine reine Excel-Tabelle. Und das müssen wir uns vor Augen führen. In diesen Zeiten spielen enge Mieter- und Mitarbeiterbindungen, intensive Kundenkontakte, Kostenreduktionen und eine stärkere Kommunikation eine entscheidende Rolle.

Ich will keine Krisen herbeireden, aber uns alle dazu auffordern, die Erfahrungen stagnierender oder rückläufiger Märkte weiterzugeben. Schließlich sollen wir die schmerzhaften Lektionen der Krisenjahre nicht umsonst erlernt haben. Oder?

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Kirsten Adrian
apollo real estate GmbH & Co. KG
Executive Assistant